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Ambulanter Hospizdienst Rottweil
Regionalgruppe der IGSL-Hospiz e.V.

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Veranstaltungen

Jedes Jahr gestalten wir einen Hospiztag zu dem wir die Rottweiler Öffentlichkeit einladen. Das machen wir schon seit 20 Jahren. Dass Sterben und Humor keine Gegensätze sein müssen, hatten wir bei unserem früheren Hospiztag "Lachen trotz(t) Tod" aufgezeigt und dazu einen Lachforscher und eine Clownfrau eingeladen. 

Rückblick auf den Hospiztag 2018

Mit Prof. Dr. Knud Eike Buchmann gehen wir der Frage nach:
Wie gelingt es, das Lebensende angstfrei und gelassen anzugehen?

Die Auseinandersetzung mit dem Sterben führt nicht weg vom Leben, sie führt hin zum Leben.

Der Referent Prof.(em.) Dr. Knut-Eike Buchmann hat uns seine vier Handouts von diesem sehr gut besuchten Tag zur Verfügung gestellt. Sie sind im folgenden angefügt. Unter dem Menü "Presse" finden Sie den Pressebericht zum 21. Hospiztag von Reante Greve.

Wir wollen den Tod nicht denken… und die Trauer…?

Der Mensch ist ein in jeder Weise „merkwürdiges Tier“: mit einem enormen Verstand gesegnet und  doch so oft völlig unvernünftig. Er kann mithilfe der Technik fliegen und mit Autos über die Straßen rasen - aber sich selbst  in seinem Verhalten oft nicht steuern. Er vermag über schwierigste Themen nachzudenken und ist voller Hoffnung auf den Lotto-Gewinn, sieht aber nicht wirklich die möglichen Folgen seiner Um- und Innenweltverschmutzung. Er vermeidet  gern unangenehme Gedanken, z.B. an das Streben und den Tod. Wie ist das zu erklären?

Weil der Mensch auf Leben und Zukunft angelegt ist, stellen die Themen Sterben und Tod keine erfreuliche Dimensionen des Lebens dar: Mit jedem Verlust eines Menschen stirbt in vielen Fällen die Zukunft und die Hoffnung der Zurückbleibenden. (Salopp: Das Thema Sterben ist nicht „sexy“!). Es gibt viele Meinungen zu diesem Thema – und es gibt relativ gesicherte Forschungsergebnisse, die wir heute als begründete Wirklichkeiten ansehen können.

- Wir haben uns , oft mühsam, ein „Welt- und Menschenbild“ zurecht gelegt, das durch den (plötzlichen) Verlust eines Mitmenschen massiv angegriffen und oft sogar zerstört wird: Das Leben ist von einem auf den anderen Tag ganz anders als gedacht und gehofft. Diese Verunsicherung wirft uns aus der Bahn. Wir erleben Trauer, Enttäuschungen, Schmerz, Angst… auch Wut, Erleichterung und Schuld…

- Wir sind als Menschen nicht in der Lage, diesem Schmerz  auszuweichen! Wir können ihn auch nicht rückgängig machen, ihn meist auch nicht wirklich gut aushalten. Der Verlust ist –kurzfristig – nicht kompensierbar;  er bleibt oft ewig.

- Wir haben ein Bedürfnis nach Unversehrtheit und Lust (Gefühl der Freude). Unser Gehirn ernährt sich von „Zucker“ – und vermittelt uns dadurch eine Belohnungsgefühl (z.B. beim Essen, Sex, Sport…).    Jeder Verlust/jede Einschränkung löst ein psychisches Unwohlsein aus. Dadurch sind neben dem Fühlen auch Denken und Handeln negativ betroffen. Wir verfügen weder über angeborene noch über gelernte Verhaltensstrategien, um mit diesem Phänomen umzugehen. Wir müssen auf bisher Gelerntes zurückgreifen. Beim Sterben fehlt es uns an Erfahrungswissen.

- Wir erleben im Falle des Todes eines lieben Menschen Inkonsistenz; das ist das Gegenteil von Stimmigkeit oder Berechenbarkeit. Etwas, was bisher gut und richtig war, ist plötzlich nicht mehr so. Wir fühlen uns aus unserer Mitte geworfen, empfinden uns in solchen Situationen nicht mehr als stimmig und spüren die Anspannung körperlich. („Irgend -etwas stimmt nicht mit mir…!“Traurigkeit, Verstimmung…)

- Weiterhin entsteht ein enormer Anpassungsdruck – die erlebte Trauer geht oft einher mit teils massiven psychosomatischen und psychoneurotischen Beschwerden und Störungen (von der Schlaf- und Appetitlosigkeit über das geschwächte Immunsystem bis zur Angst, zu Vermeidungsverhalten und zu Grübelkaskaden…).

- Der (vorübergehende) Rückzug aus der sozialen Gemeinschaft zwingt dazu, neue Rollen zu übernehmen und zu finden. Auch dem Verstorbenen muss eine neue Bedeutung zugewiesen werden, ohne dass man ihn „leugnen“ muss. Positive Erinnerungen an die verstorbene Person sollen zu neuen Bindungen befähigen. Möglich ist auch, dass man sich Vorwürfe macht und Schuld empfindet. Oft wird von den Trauernden „zu wenig Trauer“ als „zu wenig Liebe“ angesehen.

- Mit der veränderten Lebenssituation geht oft auch ein Verlust an „Exploration“ einher: es kommt zu einer systematischen Reduktion der Möglichkeiten (z.B. gemeinsam eingeladen werden). Auch im kognitiven, emotionalen und Verhaltensbereich kommt es zu Einschränkungen und Fixierungen: Schuldgefühle, Wut und Ärger treten auf wie Sehnsucht nach der verstorbenen Person oder „Wiedervereinigungs-Phantasien“.

Da Trauer aber keine Krankheit ist, andererseits aber auch nicht verkürzt oder verhindert werden kann, muss sie „gestaltet“ werden. Normalerweise läuft der natürliche Trauerprozess ohne Interventionen durch Fachleute im Rahmen der gesellschaftlichen Rituale ab. Kommt es aber zu einer lang anhaltenden, oft sich sogar steigernden und komplizierten Trauer sind psychotherapeutische Hilfen sinnvoll. Dazu wäre aber genau zu klären,  w a s  genau die Trauer leitet: Schmerz, Ärger oder Angst, sind es Schulgefühle? Zuweilen kann es Hass sein – oder die Trauer führt zu unrealistischen Gedenken, zu Phantasien und Wahnvorstellungen.

Die Folgen einer nicht angemessen verarbeiteten Trauer können vielfältig sein. Die psychologisch-psychiatrischen Forschungen  sprechen von einer erhöhten Komorbidität  (begleitende, sich „aufsattelnde“ Erkrankungen): Partner von Verstorbenen sind oft zu einer 20%igen höheren Erkrankungsrate „bereit“ als Menschen , die keinen Partner verloren haben – dies übrigens stärker bei Männern als bei Frauen). Trauernde nehmen signifikant mehr ärztlich-medizinische  Dienste in Anspruch. Weiterhin haben sie ein erhöhtes Risiko für Substanzmissbrauch (z.B. Alkohol, Tabletten…). Letztlich ist auch ihr Suizid-Risiko erhöht. Generell ist ihr Immunsystem geschwächter.

Somit kommen der Trauerverarbeitung drei Aufgaben zu: Die eigenen Gefühle neu zu ordnen und im Sinne einer Aufgabenorientierung  Lebensziele neu oder verändert zu setzen. Sicherlich wird es auch in der und nach der Trauerzeit zu einer Neudefinition der eigenen, neuen Rolle kommen müssen.

 

Alle Angst ist Angst vor dem Tod – und: Angst ist nicht tödlich!

Zwei Aussagen, die man sich durch den Kopf gehen lassen kann. Die meisten Menschen sagen, dass sie nicht Angst vor dem Tod sondern vor dem Sterben haben… Und was machen wir Menschen, wenn wir Angst haben üblicherweise? Wir wollen damit nichts zu tun haben, flüchten, weichen aus, schieben das Thema von uns oder verdrängen es. Diese latenten, also unterschwellig vorhandenen Ängste „fressen“ aber Lebensenergie: Wir müssen immer wieder eine gewisse seelische Kraft aufwenden, um das Thema „unter dem Teppich“ zu halten. Diffus drängt es sich im Traum oder in besonderen Krisenzeiten immer wieder ins Bewusstsein.

Die Angst vor dem Sterben ist nicht krankhaft; sie ist normal. Eine unglaubliche Fülle von Umschreibungen für das Sterben und den Tod kennzeichnet nicht nur unsere Sprachkultur.* Und das Dichterwort: „Der Tod ist immer nur der Tod der Anderen“ (Paul Celan) macht deutlich, dass wir den eigenen Tod nicht ansprechen. Oder ist es der Gedanke von Jean Améry, der glaubt, dass seine Sprache ohnmächtig vor dem Tode sei und uns das Sprechen darüber so schwer macht?

Das Faszinierende des Todes zeigt sich in der „Sucht nach Krimis“, in den Horrornachrichten aus aller Welt, zeigt sich aber auch in der kindlichen Erschütterung, wenn ein totes Vögelchen am Weg gefunden wird. Im Angesicht des Todes eines anderen Menschen, empfindet man sein Leben als besonders wertvoll. W. Churchill schrieb in seinen Memoiren: „Nichts im Leben löst ein größeres Hochgefühl aus, als beschossen und nicht getroffen zu werden“. Heute gibt es eine sehr variable und stark kommerziell organisierte „Beerdigungskultur“. Die religiösen Rituale werden um immer neue (und „verrückte“) Zeremonien ergänzt und zum Teil ad absurdum geführt. (Internet…) Todesanzeigen haben nach wie vor Konjunktur. Aber es ist eben nicht der eigene Tod, an den man konkret denkt. Die eigene Endlichkeit wird lieber nicht thematisiert.

Was sind die Gründe für diese „Verweigerung der Endgültigkeit“?

Sterben und Tod ist in unserem Kulturkreis immer mit Schmerzen und Leid verbunden. Selbst wenn diese Vorstellungen heute oft durch eine gute palliativ-medizinische Versorgung obsolet sind, prägen sie doch unser Denken an Tod und Abschied. Wir haben gelernt, dass uns das Leben „gehört“ und dass wir es - wie unseren anderen „Besitz“, verlieren können. Wenn auch das Prinzip des Begehrens, Aneignens, Besitzens und Behaltens eher an materielle Güter gebunden scheint, ist es sowohl auf Kenntnisse und Fertigkeiten als auch auf unsere oft mühsam erworbene Identität anzuwenden. Und all das werden wir durch unseren Tod hergeben müssen. Der Verlust von irgendetwas wird immer als besonders negativ empfunden. Weiterhin spielt die Ungewissheit eine große Rolle: Wir wissen nicht, was wie geschieht – und vor allem möchten wir gern wissen, was „hinterher“ sein wird. Auch dieser Wunsch wird uns nicht erfüllt. In unserem aufgeklärten Zeitalter möchten wir auch unsere Selbständigkeit und Unabhängigkeit bewahren- und wissen oder ahnen, dass wir im hohen Alter auf „fremde Menschen“ angewiesen sein könnten. Die Furcht vor dem körperlichen, sozialen und vor allem geistigen Kontrollverlust beschäftigt uns bereits bei jeder Begegnung mit einem „Rollator-Fahrer“. Wir ahnen auch eine dynamische Abwärtsentwicklung, wenn wir erst einmal in den Strudel der altersbedingten Störungen und Beeinträchtigungen geraten sind. Bei den eigenen Eltern erleben wir, wie sie immer weniger fähig sind, autonom zu leben.

*(Unter dem Stichwort zeitlich finden sich im Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten von Röhrich  bei Herder;1999 ab Seite 175 eine Unmenge von Wendungen, die man benutze und benutzt, um nicht das Wort Tod in den Mund zu nehmen).

 Im Alter oder nach einer schweren Krankheit oder einem Unfall weiß man „plötzlich und unerwartet“, dass die Sanduhr läuft. Am Ende steht ein großes Nichts – aber was ist das? Unvorstellbar. Im Erleben einer Restzeit möchte man noch alles, was man - wie man meinte - bisher versäumt hatte, nachholen. Die Erfahrung der Unumkehrbarkeit spiegelt uns zusätzlich unsere Ohnmacht über das Schicksal. Zugleich wollen wir die noch verbleibende Zeit nicht sinnlos „verplempern“. Wir fürchten vielleicht, zum Ende des Lebens hin den Mut zu verlieren, das Leben – in welcher Form auch immer – würdig loszulassen?

Es gibt auch psychoneuronale Beweggründe, die uns den vorzeitigen Umgang mit dem eigenen Tod erschweren.

Grob gesagt können wir drei wesentliche Hirn-Bereiche unterscheiden. Das Stammhirn ist zuständig für alle überlebensnotwendigen Funktionen: Stoffwechsel, Temperatur, Herzschlag…

Im Limbisches System sind die instinktiven Urprogramme wie Kampf- bzw. Fluchtverhalten, Territorialverhalten, „Pairing“… angesiedelt; wie auch die emotionalen Zentren: Lust- und Schmerzzentrum, Aggressionszentrum etc.

Im präfrontalen Kortex werden unsere „eigentlichen menschlichen Fähigkeiten“ gesteuert und koordiniert. Sie sind für den Umgang mit dem eigenen Sterben hochbedeutsam. Dazu gehören:

Die Regulation des Körpers über das autonome Nervensystem; Sympathikoton: aktiv - und parasympathisch: dämpfend. Das feine Zusammenspiel dieser beiden Größen sichert die Balance der körperlichen Reaktionen (Beschleuniger und Bremser). Bei der Angst vor den Sterben stehen beide Systeme nicht in einem ausgewogenen Verhältnis zueinander.

Das Erkennen/ Entschlüsseln der Resonanz beim Anderen/ Gegenüber: eingestimmte Kommunikation (Spiegelneuronen). Ein nonverbaler Fluss von Energie und Information (Blickkontakt) – Interaktion vor allem im intimen Bereiche (Eltern-Kind…) Wir haben unsere Schreck- und Angst- und Trauer-Reaktionen überwiegend gelernt.

In der emotionalen Balance erkennen wir Emotionen, gestehen sie uns ein und empfinden sie für das tägliche Leben als mehr oder weniger bedeutsam. Ohne Balance fallen wir von einem Extrem ins andere: Rigidität oder Chaos – diszipliniert oder hektisch…

Durch die Reaktionsflexibilität gelingt uns die Auswahl der in der jeweiligen Situation angemessenen Reaktion – als Vermeidung des reflexhaften Verhaltens.

Die Fähigkeit zur Einsicht wird als Ergebnis von (Vergangenheits-) Erfahrungen im Jetzt auch auf die Zukunft bezogen; sozusagen als Lernergebnis der individuellen Geschichte. Erkennen des „Geistes seiner selbst“ (Geistsicht).

Die Empathie ist die Fähigkeit, sich in einen anderen Menschen hineinzuversetzen.  E i n, wenn nicht  d a s   Kriterium für  B i n d u n g  als soziales Wesen. Hierdurch versuchen wir zu verstehen  u n d  mitzufühlen. Wir lassen uns durch das miterlebte Leiden anderer anstecken.

Hier wird die Angstbewältigung gesteuert: Furcht- und Angstimpulse werden verarbeitet und überwunden. Es werden – z.B. wenn das Thema „eigener Tod“ auftritt– hemmende (inhibitorische) Verbindungen von der präfrontalen Rinde zu den emotionalen Zentren im Limbischen System  und Stammhirn gebildet. Das Gehirn wehrt aktiv solche Gedanken und ihre Folgen ab; denn es ist auf Wachstum und „Lust“ programmiert.

Die Intuition kennen wir als  Bauchgefühl: bestimmten Themen gegenüber sind wir offenherzig oder halsstarrig… Körperreaktionen (Angst vor dem eigenen Tod) werden – unterhalb der Bewusstseinsschwelle – „gelesen“ und unbewusst „verstanden“ (Gespür/Empfinden). Das Thema „eigens Sterben“ wird intuitiv abgewehrt.

Und schließlich haben wir hier unser Moralgefühl entwickelt: Das Verhalten orientiert sich stets an einem größerem Ganzen (Sozialsystem) – wenn man z.B. allein ist oder aber „Aufpasser“ in der Nähe sind… (Stufen der Moralität). Man tut und sagt und denkt auch „nur“ das, was die anderen Mitglieder der Bezugsgruppe auch tun und denken.

Diese hier angerissenen Fähigkeiten des Menschen bestimmen auch seine hormonelle Struktur. Wenn man jahrelang und seit frühester Jugend das Thema Sterben und Tod verdrängt hat, ist es im Alter schwer, hier neue neuronale Gedankenbahnungen zu evozieren. Die aktive und langfristige Beschäftigung mit dem Thema, seine emotionale wie kognitive Ventilierung – am besten mit anderen, sympathischen Menschen -  und ein eigenes handlungsorientiertes Konzept sind hilfreich, um Angst zu überwinden bzw. sich ihr zu stellen, sie auszuhalten.

Nun wird und soll man sich nicht ein Programm: „Lust auf Sterben“ einreden (lassen); sondern man kann in Dankbarkeit für das zurückliegende Leben die Endgültigkeit und das „würdige Sterben“ mit seinen nächsten Angehörigen und Ärzten absprechen.

Es gibt Vorschläge, wie man generell mit Angst umgehen sollte. Dabei ist nicht primär an die schwere Panik-Attacke gedacht, sondern an dieses Unwohlsein, die Angst vor dem Sterben, die wir zum Anlass nehmen, auszuweichen, zu vermeiden oder zu fliehen. Es gibt (hyper-)sensible und andererseits eher „dickfellige“ Menschen. Sie sind unterschiedlich schnell und intensiv erregbar. (Im Alter kann die Ängstlichkeit auch zunehmen).

Das Vorgehen gegen die Angst ist von zwei Extremen gekennzeichnet: Man kann – wohldosiert – in kleinen Übungsschritten oder auch „knallhart“ vorgehen. Kleine Schritte heißt hier, dass man immer wieder angstauslösende Situationen (zu Beerdigungen gehen, über den Tod lesen und sprechen…) aufsucht. Man kann -gfs. mithilfe eines Psychotherapeuten- dabei in der Situation lernen, z.B. durch eine ruhige Atmung, zu entspannen und den Zustand auszuhalten. Härter ist die Methode, sich konfrontativ in die angstauslösende Situation hinein zu begeben  – und sie schlichtweg durchzustehen. So z.B., dass man einen Sterbenden begleitet, eine Sterbemeditation mitmacht… oder – bei einer Höhenangst -  von einem Kirchturm oder Berg in die Tiefe zu schaut oder auf einem großen, freien Platz steht und die Angst so lange aushält, bis sie sich abschwächt.

Letztlich – so steht es oben- ist alle Angst, Angst vor dem Tod. Es ist wirklich mehr die Angst vor dem Sterben und den angeblichen Begleitschmerzen, die uns belastet. Weiterhin haben wir möglicherweise die Angst, sie nicht mehr in den Griff zu bekommen, wenn wir uns einmal mit der „Todesangst“ auseinandersetzen. Schließlich ist die Angst vor den Schmerzen oft ein Vorwand, sich   n i c h t  mit dem Thema zu beschäftigen. Aber genau das erhöht bzw. stabilisiert die Angst. Deshalb einige grundlegende Bemerkungen:

- Dass wir Angst oder große Unsicherheit vor dem Sterben und dem Tod haben, ist völlig normal. Dass wir deshalb dieses Thema nicht besonders gern ventilieren ist auch nachvollziehbar. (Aber wir denken ja auch über unser Essverhalten, über unsere sportlichen Trainingspläne, über den Hausbau usw. nach. Alles nicht gerade Themen, die „sexy“ sind). Sie befinden sich mit dieser Angst vor dem Sterben in „guter Gesellschaft.“

- Angst ist – auch für den Laien und ohne Psychotherapie – gut „behandelbar.“ Die Selbstbehandlung von Ängsten, ist sogar sehr erfolgreich. Dazu gehört der Wunsch und Wille, die Angst wirklich zu reduzieren.

- Angst tötet nicht. Selbst eine Panikattacke ist nicht tödlich. Es erfordert etwas Selbstvertrauen und ein wenig Mut, um gegen seine Ängste anzugehen.

- Ihre Angstsymptome (Herzrasen, Schwindel, Luftnot, Magenschmerzen, Durchfall oder Harndrang…) sind  n i c h t  Zeichen dafür, dass Ihr Körper nicht in Ordnung ist. Es sind „nur“ Angstsymptome, die ohne einen medizinischen Grund in einer übersteigerten, übertriebenen Form auftreten. Vertrauen Sie Ihrem Körper. Es sind Ihre (unterschwelligen) Gedanken, die Sie „verrückt“ machen. Aber Sie sind weder Ihre Gedanken noch Ihre Gefühle!

Hier einige Überlegungen**, was Sie (um das Thema Sterben, Tod und Trauer) tun können, um Ihre meist unnötigen Erregungszustände zu minimieren bzw. zu kontrollieren:   - Nehmen Sie Ihre Angstzustände wahr, wenn Sie an dieses Thema rühren oder erinnert werden. Betrachten Sie sie mit Interesse und lokalisieren Sie, wo die Angst wie wirkt! (In der Brust, im Magen, als Herzrasen…?)

- Erkunden Sie a) die möglichen Gründe für Ihre Ängste und b) den Zweck, den Sie mit den Angstreaktionen erreichen (wollen): z.B. beachtet werden, Hilfe bekommen, geschont werden, Ausreden zu haben, um sich Schwierigkeiten nicht stellen zu müssen usw.?

- Ignorieren Sie jetzt Ihre Angst und gehen Sie „zur Tagesordnung“ über. Wenden Sie sich einer Aufgabe zu. Finden Sie sich damit ab, dass Sie (noch) solche Empfindungen haben, wenn Sie an die oben genannten Themen denken oder erinnert werden. Die Angstreaktion zeigt Ihnen, dass Sie sehr lebendig sind! Gehen Sie durch Ihre Angst hindurch, weichen Sie dem Thema nicht aus – auch wenn dies schwerfällt.

- Nehmen Sie sich nicht so ernst (oder salopp: Stellen Sie sich nicht so an!). Was Ihnen hier begegnet, ist Milliarden von Menschen auch schon passiert – und diese sind nicht daran zugrunde gegangen! Von Partnern, die Ihre Angstgeschichten schon oft gehört haben, haben Sie sicherlich den durchaus probaten Satz: „Reiß Dich einfach mal zusammen!“ gehört. Das ist -zugegebenermaßen- nicht besonders freundlich. Aber es ist  e i n  Weg, den unangenehmen Zustand einfach auszuhalten. Vielleicht auch dadurch, dass man sich bedingt ablenkt (s.o.), aber beim Thema bleibt. Ausweichen, Verdrängen, viele Entschuldigungen vorbringen usw. hilft nicht! Sich in solchen Situationen ständig von anderen helfen zu lassen, verstärkt die Angst! („Wasch mich, mach mich aber nicht nass“ geht nicht! Oder kennen Sie den Mann, der erst dann ins Wasser geht, nachdem er schwimmen gelernt hat?) Nehmen Sie Ihre Endlichkeit endlich als Tatsache hin!

- Sprechen Sie mit Menschen positiv. Vor allem auch mit solchen, die ihre Angst unter Kontrolle haben. Aber jammern Sie denen nicht die Ohren voll! Hören Sie auf, über den möglichen Tod, das Sterben… zu lamentieren. Selbst wenn Sie anfangs Aufmerksamkeit, Mitleid, Hilfsbereitschaft, vielleicht auch Zuwendung erfahren, längerfristig wird sich jeder mit dem Gefühl des Genervtseins abwenden! Verbieten Sie sich das Ausweichen wie das larmoyante Klagen. Ihre Umwelt (besonders die nahen Angehörigen) reagieren freundlicher, zugewandter… auf Sie, wenn Sie selbst auch so sind. Lachen Sie, wenn Ihnen zum Heulen zumute ist! Zeigen Sie Interesse, auch wenn Sie das Thema Sterben und Tod im Moment belastet. Im Gespräch teilt man (sich) mit. Geteiltes Leid ist halbes Leid. Das gilt zuweilen auch für die Angst.

- Klären Sie: Wollen Sie wirklich Ihre Angst vor dem Thema loswerden -oder wollen Sie lieber diese Angst „kultivieren“ und ausweichen, um in der sehr unwahrscheinlichen Hoffnung zu schwelgen, Sie würden eines Tages, ohne dass Sie es merken, völlig überraschend und absolut ohne Probleme (gemacht zu haben) tot sein? Wissen Sie, was Sie Angehörigen zumuten, wenn Sie mit ihnen nicht über Ihren (eigenen) Tod, über das Sterben, die Beerdigung, das Erbe usw. sprechen? (Denn:Es w i r d  geschehen!)

- Wollen Sie von anderen Menschen (Ihren Kindern, Enkeln…) als „feige“ und verantwortungslos betrachtet werden? Angst“patienten“ werden von der Normalbevölkerung leicht in die Richtung der „Abnormität“ geschoben. Krankhafte Angst (Vermeidung von Situationen und Themen) stellt eine neurotische Störung dar. Eine nichtbewältigte Angst kann sich leicht „generalisieren“, sich also ausweiten und auf viele andere Bereiche legen.

- Schließlich achten Sie darauf, dass Sie genügend Schlaf, ausreichende Bewegung und gutes Essen haben.

Zusammenfassend: Weichen Sie dem Thema Sterben, Tod und Trauer nicht aus. Aber sprechen Sie auch nicht dauernd davon. Nehmen Sie sich gewisse Zeiten, zu denen Sie sich durchaus mit dem Thema beschäftigen (Gespräche, Literatur, Filme…). Und wenden Sie sich zu anderen Zeiten wieder dem „guten Leben“ zu. Hier sprechen und denken Sie dann nicht von „Abschied und Ende“. Etwas Erstaunliches, fast Unglaubliches ist zu berichten: Wer seine Angst vor dem Tod überwunden hat, verfügt über einen klareren und freieren Blick auf die Dinge des Lebens, ja, auf das Leben selbst. Und damit steigt die Lebenszufriedenheit. Das tägliche Dasein wird dankbar als Geschenk und Aufgabe erkannt und angenommen.

 

Sterben- einüben: Einige ÜBUNGS-SCHRITTE

Ich möchte ein paar Gedanken zur Anregung geben. Wer sich in die oben genannten Kriterien einüben möchte, könnte sich jeden Tag einen Gedanken vornehmen und ihn „geistig zerkauen“, ihn also wirken lassen. Wichtig wäre aber, dass man ehrlich mit sich umgeht. Aber vielleicht ist es auch leichter, sich mit einer Person seines Vertrauens über den Gedanken auszutauschen.

- Nehmen Sie Ihre Angst hin – sagen Sie ja zu dem, was geschieht, selbst, wenn es Ihnen nicht gefällt.

- Stellen Sie fest, in welcher Phase des Lebens Sie sich gerade befinden. Und klären Sie, was Sie wollen und was Sie (noch)
  können.

- Beim Üben geht es darum, das, was im Moment ist, ohne Wertung anzunehmen: Es ist, wie es ist.

- Es geht darum, unser unnötiges Leiden zu verwandeln. Was lernen Sie aus dem Leiden?

- Lernen Sie (wieder) gütig zu sein: Mit sich und anderen. Erkennen Sie Ihre mögliche Lieblosigkeit.

- Auch und gerade im Alleinsein können Sie die (gelernte?) Tendenz, alles solle behaglich und schmerzlos sein, überwinden.

- Es wäre gut, wenn Sie die mögliche Zukunft nicht in emotionaler Aufgeregtheit, sondern in einem gewissen Gleichmut erwarten.

- Lösen Sie sich von den Glaubenssätzen, die sie ständig herumkommandieren. („Ich darf nicht… Ich sollte… Ich
  muss…“).Erkennen Sie Ihre Ideale und Erwartungen – aber machen Sie sich nicht von ihnen abhängig.

- Kehren Sie zu Ihrem wahren Wesen zurück. Wer sind Sie wirklich? (Lösen Sie sich von Ihren Rollen!)

 

Arbeitsblatt  TROST

Andere Begriffe: Beistand, Zuspruch, aufheitern, aufmuntern, beruhigen, beschwichtigen, stärken, den Schmerz stillen, wieder Mut schöpfen, Hoffnung geben… Mitgefühl zeigen…Verständnis haben.

Trost will Leid, Schmerz, Trauer lindern? Entlastung durch „Mitschwingen“ (Empathie) Ist das sinnvoll – und wenn ja, unter welchen Umständen? Zuwendung und positive, tröstende Worte, Nähe…

Trost spenden – Trost empfangen… etwas sehr Individuelles.

Und es gibt die Abwehr, die Ablehnung von Trost („Verrat“ an der Bedeutung des Verlorenen?) Das Schmerzhafte wird (als Zeichen der Liebe?) getragen…

Trostlosigkeit? Kann man damit leben? („Wieviel Lebenswertes war auf unserem Weg“ Max Frisch) „Einen, der untröstlich sein will, zu trösten versuchen , heißt, ihm den einzigen Trost rauben, der ihm verbleibt“ Marq.de Dudeffant. Auch die Aussage, dass es in diesem Fall keinen Trost gibt, ist Trost. Liebevoll schweigen. Streicheln Umarmen…

 Sehr unterschiedliche Wege/Verfahren:

 - Sich „in Gottes Hand“ wissend

- andere Menschen („Nachbeelterung“ -Reddemann). Dasein, begleiten… kümmern… Sicherheit geben wie Mutter und
  Vater

- Affektive  u n d  kognitive Fähigkeiten den individuellen Schmerz in seinen Teilen zu erfassen (wir sind nie ganz im
  Leid/Schmerz des anderen Menschen)

- Akzeptieren, wenn Person (im Moment) keinen Trost will

- Eigene Motivation überprüfen (will ich mich entlasten, ein „guter Mensch“ sein – oder möchte ich dem Anderen Gutes tun?
  Oder ist mein  „BeiLeid“ nur ein formaler Akt?)

- Sprechen – aber strukturiert: evtl. Hinschreiben.

- Selbsthilfegruppen

- „Leisten und Dulden“ (Goethe)  und strenge Strukturiertheit des Tages

- Weinen, Rituale (an den Ort des Geschehens gehen…)

- Natur, Musik, Kunst… Theater, Humor, Gedanken, Literatur

 

Rückblick auf 2017

 

Soll ich meine sterbende Mutter verdursten lassen?
Wochenendseminar des Ambulanten Hospizdienstes Rottweil

Die Mitglieder des Ambulanten Hospizdienstes Rottweil trafen sich am zweitletzten Juni- Wochenende 2017 nahezu vollzählig zu einer Tagung im Bildungshaus der Franziskanerinnen von Reute zum Meinungsaustausch  und Kräftesammeln für ihre nicht immer leichte Aufgabe. Das  Hauptthema ihres Fortbildungstreffens war "Freiwilliger Nahrungs- und Flüssigkeitsverzicht am Lebensende" oft plakativ auch nur "Sterbefasten" genannt.

Sie konnten dazu aus Fürth den Palliativmediziner Dr. Roland Martin Hanke gewinnen, der das dortige Palliativ-Care-Team und auch die Hospizgruppe Fürth leitet und Vorstand des bayrischen Palliativverbandes ist. Dr. Hanke ist auch immer wieder in Ethikkommissionen zu diesem vieldiskutierten und heiklen Thema tätig.
Als Gegenpol zur Intensiv- und Apparatemedizin fordern viele Menschen  das Selbstgestaltungsrecht gerade auch am Lebensende. Mit einer Patientenverfügung kann jeder Einzelne dies sicherstellen, sofern er selbst oder sein Betreuer es intensiv genug verfolgt. In der Ärzteschaft hat größtenteils ein Umdenken stattgefunden, so dass die Verpflichtung zur Lebenserhaltung nicht unter allen Umständen besteht. 
Ausführlich hat Dr. Hanke mit den Teilnehmern die Problematik des freiwilligen Flüssigkeits- und Nahrungsverzichts bei Schwerstkranken erarbeitet. Der Volksmund lehrt uns "Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen". Dem ist entgegen zu setzen: "Der Mensch stirbt nicht durch das Verhungern, sondern er hat keinen Hunger, weil er sterben will." Aber wann ist dieser Zeitpunkt des Nicht-mehr-zurück ins Leben erreicht? Es ist durchaus verständlich, dass das Personal in Pflegeeinrichtungen und ebenso die Angehörigen hier stark verunsichert sind.
Es wurden in der Fortbildung ausführlich die rechtlichen Grundlagen und Voraussetzungen für das Sterbefasten erarbeitet. Es muss eine wohlerwogene, unbeeinflusste, selbständige Entscheidung des Kranken sein  und ist keinesfalls bei psychisch Erkrankten zu vertreten. Auch die Durchführung und die medizinische Begleitung wurden erläutert. Wenn auch nur 50 ml Flüssigkeit pro Tag einem Sterbenden aufgezwungen werden, z.B. als Infusion unter die Haut, so kann der Leidens- und Sterbeprozess  damit enorm verlängert werden. Vereinfacht  gesagt: Ein Krebskranker, der keine Nahrung mehr zu sich nehmen kann und will, aber von seinen Angehörigen dazu immer wieder gedrängt wird, ernährt nicht seinen Körper, sondern seine Krebszellen.
Der Gesetzgeber und die Betreuungsgerichte  gehen in der Patientenverfügung immer vom derzeitigen mutmaßlichen Willen des Betroffenen aus. Der Betreuer eines Demenzkranken ohne klare Patientenverfügung steckt dabei in einer mehr als schwierigen Situation. Es wurde aufgezeigt, dass die Einberufung eines moderierten Ethikgesprächs unter der Beteiligung des betreuenden Arztes, der Pfleger und Krankenschwestern, ja selbst des Putzpersonals eine gute Lösung darstellen kann, um eben den derzeitigen mutmaßlichen Willen des Schwerstkranken zu ermitteln. Die Erfahrung zeigt nämlich , dass Kranke sich dem Putzpersonal bisweilen mehr öffnen als vielen anderen, mit denen sie direkt zu tun haben.
Dr. Hanke hat viel aus seiner beruflichen Erfahrung  einfließen lassen und brachte immer wieder die Bedeutung der Spiritualität (unabhängig von den einzelnen Religionen) zum Ausdruck.
Auf drei Säulen gründet seine Hospizarbeit:
1. Symptomlinderung,
2. das Sicherheitsversprechen, helfen zu können und
3. die Alltagsrahmung. Damit ist gemeint, dem Kranken in seiner schwierigen Situation und seinen Angehörigen Normalität im Alltag zu verschaffen.